Googles künstliche Intelligenz bedroht das offene Web
Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz verändert sich dieses Verhältnis. Google integriert Gemini zunehmend in seine Suchmaschine und bietet Nutzern direkte, dialogorientierte Antworten anstelle einer Linkliste. Dadurch verweilen die Nutzer länger auf Google-Diensten, und die Webseiten, von denen die KI ihre Informationen bezieht, verzeichnen immer weniger Besucher.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer Google verlassen, sinkt zunehmend.
Mit dem „KI-Modus“ hat Google die traditionelle Suche in einen Dialog mit künstlicher Intelligenz verwandelt. Nutzer können längere Fragen stellen, Fotos und Videos hinzufügen und KI-Agenten komplexere Suchvorgänge durchführen lassen.
Laut dem Unternehmen sind Suchanfragen im KI-Modus etwa dreimal so lang wie herkömmliche Suchanfragen, und Untersuchungen zeigen, dass Benutzer im neuen Modus zwischen einer und neun Minuten länger verbringen als bei regulären Suchanfragen.
Eine Studie von Growth Memo ergab, dass Nutzer in rund 75 Prozent der analysierten Sitzungen keine externen Webseiten anklickten. Google lehnt die Forschungsmethodik ab, doch Verlage und andere Unternehmen berichten bereits von einem deutlichen Rückgang des Suchverkehrs.
Nilay Patel, Chefredakteur des Technologiemagazins The Verge, beschreibt diese Entwicklung seit Jahren mit dem Begriff „Google Zero“ – dem Moment, in dem der Traffic, den Verlage von Google erhalten, gegen null tendiert. Seiner Meinung nach ist dieser Moment für viele Medienunternehmen bereits erreicht.
Google wird nicht nur ein Ausgangspunkt, sondern ein Ziel.
Die klassische Suchmaschine fungierte als Tor zum offenen Web. Sie bot dem Benutzer Links an, aber die Antwort musste er auf den Webseiten von Medien, Unternehmen, Universitäten und anderen Urhebern finden.
Die generative Suche stellt dieses Modell auf den Kopf. Die KI durchsucht die Inhalte im Web, erstellt daraus eine Antwort und präsentiert sie dem Nutzer direkt. Der Nutzer hat oft keinen Grund mehr, die ursprüngliche Seite zu besuchen.
Für Google ist diese Entwicklung vorteilhaft, da Nutzer mehr Zeit im Google-Ökosystem verbringen. Für Webseiten bedeutet sie weniger Besucher, geringere Werbeeinnahmen und weniger direkte Beziehungen zu ihrer Zielgruppe.
Daten von Cloudflare zeigen, dass bereits mehr als die Hälfte des gesamten Web-Traffics von automatisierten Systemen generiert wird. Zwischen Juni 2025 und April 2026 wird ein Rückgang des menschlichen Datenverkehrs auf Websites in Branchen wie Medien, Finanzen und Handel um fast 40 Prozent erwartet.
Wikipedia verliert Leser und gewinnt an Bots.
Auch Wikipedia spürt die Veränderungen. Die Wikimedia Foundation verzeichnete im vergangenen Jahr einen Rückgang der menschlichen Besucher um acht Prozent, während die Zahl der Bots, die Daten aus der Enzyklopädie extrahieren, um Modelle der künstlichen Intelligenz zu trainieren, zugenommen hat.
Wikipedia sucht daher nach neuen Wegen, um direkt mit den Lesern in Kontakt zu treten, unter anderem über die eigene App und soziale Medien. Außerdem verlangt Wikipedia von Google und anderen KI-Unternehmen Gebühren für den kommerziellen Zugriff auf seine Daten.
Die Situation offenbart ein grundlegendes Problem der neuen Online-Ökonomie: Websites finanzieren die Erstellung und Kuratierung von Informationen, und KI-Unternehmen können diese Informationen nutzen, um Antworten zu liefern, die die Nutzer niemals zu den ursprünglichen Seiten führen.
Wenn Content-Ersteller ihr Publikum und ihre Einnahmen verlieren, wird langfristig auch die Menge an qualitativ hochwertigen Informationen, auf denen Suchmaschinen und KI-Modelle basieren, abnehmen.
Google weist die Vorwürfe zurück
Google behauptet, das offene Web nicht zu gefährden und dass seine AUI-Funktionen wöchentlich Milliarden von Klicks auf externe Seiten generieren. Das Unternehmen hat Website-Vorschauen, die Möglichkeit zur Auswahl bevorzugter Quellen und Profile eingeführt, mit denen Herausgeber und Kreative ihre Arbeit besser präsentieren können.
Laut Google bleibt die Gesamtzahl der Klicks relativ stabil, kritische Studien verwenden jedoch angeblich fehlerhafte Methoden. Das Unternehmen betont außerdem, dass die Antworten im KI-Modus Links zu Originalinhalten enthalten.
Die Erfahrungen der Verlage zeichnen jedoch ein anderes Bild. Vox Media, dem Publikationen wie The Verge gehören, nennt den rückläufigen Suchverkehr als einen der Gründe, warum das Unternehmen nach neuen Geschäftsmodellen sucht und Teile seiner Websites verkauft.
Regulierungsbehörden fordern mehr Rechte für Verlage.
Auch Regulierungsbehörden schalten sich bereits in die Debatte ein. Die britische Wettbewerbsbehörde hat Google angewiesen, die Quellen in KI-Antworten deutlicher anzugeben und Nutzern den Zugriff auf die Originalwebseiten zu erleichtern.
Seiteninhabern sollte zudem die Möglichkeit gegeben werden, ihre Inhalte von den UI-Zusammenfassungen auszuschließen. Es wird erwartet, dass Google einige dieser Änderungen nicht nur in Großbritannien, sondern auch in anderen Ländern einführen wird.
Für die Regulierungsbehörden stellt sich die Schlüsselfrage, ob Google offene Webinhalte nutzen kann, um Nutzer in seiner eigenen Umgebung zu halten, ohne den Websites ausreichend Traffic oder eine andere Entschädigung zu gewähren.
Das offene Web am Rande eines neuen Wendepunkts
Das World Wide Web wurde als offener Raum konzipiert, in dem jeder Inhalte veröffentlichen und Nutzer frei zwischen verschiedenen Seiten wechseln können. Soziale Netzwerke und mobile Plattformen haben bereits einen Großteil dieses Datenverkehrs in ihren eigenen Ökosystemen gebunden, und künstliche Intelligenz beschleunigt diesen Prozess.
Google ist nach wie vor offener als Netzwerke, die eine Anmeldung erfordern. Nutzer können die Suchmaschine weiterhin verlassen und die ursprüngliche Website besuchen. Doch immer häufiger ist dies schlichtweg nicht mehr nötig.
Hier liegt das größte Risiko. Google mag das offene Web nicht direkt abschotten, aber es mindert den wirtschaftlichen Wert des Besuchs der Seiten, von denen es seine Informationen bezieht.
Wenn das Web primär zu einer Datenbank für KI-Antworten wird, muss sich auch sein Geschäftsmodell ändern. Andernfalls könnte die KI das Ökosystem, auf dem sie basiert, selbst erschöpfen.





















