Wie konnten Angreifer 60,7 Millionen Euro aus Cold Wallets stehlen, ohne die Geräte zu berühren?
Die meisten Angriffe in der Kryptowährungswelt basieren auf dem Hacken von Online-Börsen, dem Ausnutzen von Smart Contracts oder dem Erlangen von Schlüsseln durch Tricks. Hardware-Wallets gelten als Goldstandard des Schutzes, da sie die Schlüssel nicht im Internet zugänglich machen. Der jüngste Vorfall verlief jedoch völlig anders. Anstatt einen bestehenden Schlüssel zu stehlen, erstellte der Täter die Schlüssel einfach selbst.
Forscher von Galaxy Research stellten fest, dass insgesamt 1.082,65 Bitcoins gestohlen wurden. Die Gelder wurden in sechs Blöcken mit dazwischenliegenden Pausen transferiert, was auf eine Stapelübertragung der Transaktionen hindeutet. Die gestohlenen Gelder befinden sich nun auf vier verschiedenen Webadressen, wobei anfänglich nur eine davon erfasst wurde. Dadurch ist der endgültige Schaden deutlich höher als ursprünglich angenommen.
Das Kernproblem liegt in der Art und Weise, wie das Gerät Zufallszahlen generiert und daraus einen sogenannten Seed erstellt. Die Coldcard-Gerätesoftware sollte eine dedizierte Hardwarekomponente zur Zufallsgenerierung verwenden. Aufgrund eines internen Fehlers beim Kompilieren des Codes hat das Gerät diesen entscheidenden Schritt jedoch übersprungen. Die zugehörige Bibliothek funktionierte weiterhin einwandfrei und prüfte lediglich, ob die Einstellung vorhanden, aber nicht, ob sie tatsächlich aktiviert war.
Anstelle von Hardware-Zufallsgenerierung wurde das System auf eine einfache Software-Ersetzung basierend auf der Chip-Seriennummer und den Taktdaten umgestellt. Da die Seriennummer eine feste Werksinformation darstellt und der Taktbetrieb relativ genau geschätzt oder gemessen werden kann, wurde die Menge aller möglichen Schlüssel reduziert. Anstelle einer unvorstellbar großen Kombination von Zufallszahlen wurde die Menge für die Modelle Mk4, Q und Mk5 auf etwa vier Milliarden Möglichkeiten reduziert; auch die älteren Modelle Mk2 und Mk3 waren betroffen.
Obwohl vier Milliarden viel klingen, ist es für moderne Computer eine extrem geringe Zahl. Der Angreifer konnte auf seiner Hardware alle möglichen Kombinationen berechnen, daraus Adressen generieren und diese mit der öffentlich zugänglichen Blockchain vergleichen. Er benötigte dafür nicht einmal die Wallet des Besitzers. Das Ausmaß des Angriffs wird auch dadurch bestätigt, dass die Bitcoin-Transferadressen in drei verschiedene technische Formate aufgeteilt wurden, was auf eine systematische Untersuchung aller Möglichkeiten hindeutet.
Trotz sorgfältiger Planung unterlief den Angreifern ein Fehler. Laut Block nutzten sie bei der Untersuchung des Netzwerks einen kostenpflichtigen Account bei einem bekannten Blockchain-Datenanbieter. Die Protokolle des Anbieters zeichneten Zeitpunkt und Abfolge der Anfragen präzise auf, und die Details wurden bereits an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet.
Coinkite versichert zwar, dass seine neueren Geräte sicher seien und das Problem nur das Modell Mk3 betreffe, doch die Forscher von Block warnen vor einer größeren Bandbreite betroffener Modelle. Bis die Ursache vollständig geklärt ist, wird zu Vorsicht geraten. Jeder, der auf betroffenen Geräten einen Seed erstellt hat, sollte vom schlimmsten Fall ausgehen und seine Guthaben schnellstmöglich in Sicherheit bringen.
Untersuchungen von Anthropic warnen zudem davor, dass künstliche Intelligenz zunehmend zum Knacken von Sicherheitsalgorithmen eingesetzt wird. Dies beweist einmal mehr, dass die sichere Speicherung des Schlüssels nur die halbe Miete ist. Die andere Hälfte besteht darin, sicherzustellen, dass der Schlüssel nicht automatisch generiert werden kann.






















